Andere Wohnmobilisten ziehen ihren Smart, bei uns reicht es nur für einen Bollerwagen...

Die Ostfriesen sind ein komisches Volk! Warum? Der Reihe nach...

Chefin machte das Wohnmobil klar und packte den Wuddel und mich ein. Als ich aus dem Fenster sah, traute ich meinen Augen nicht: Da holte sie den Anhänger, mit dem die Herrschaften sonst ihre Motorräder transportieren, hervor und verzurrte einen großen Bollerwagen auf dem Trailer. Dann fuhren wir los, und Chefin faselte etwas davon, dass wir an die Nordsee nach Ostfriesland fahren würden. Ich begab mich also in mein Schicksal einer langen Autofahrt und machte es mir im Bett gemütlich. Immer wenn ich zwischendurch aus dem Fenster lukte, sah ich die mitleidigen und spöttischen Blicke aus den nachfolgenden Autos heraus. Ist es doch eigentlich üblich unter Wohnmobilisten, dass sie einen Mercedes Smart trailern und nicht so einen albernen Bollerwagen. Selbst eine Polizeistreife, die auf einem Parkplatz Streife fuhr - ich dachte schon, jetzt ziehen sie uns aus dem Verkehr, lachte sich hinter dem Steuer halb tot. Offensichtlich wohnt es den Ostfriesen inne, Bollerwagen statt Smarts zu trailern. Ein bescheidenes Völkchen halt - und womöglich von einer gewissen Einfalt geprägt. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir einen Hof mitten in der Pampa, umgeben von fetten Weiden. Dort saßen schon viele Kollegen meiner Chefin und packten ein Stück leckeres Fleisch nach dem anderen auf den Grill. Der Wuddel und ich gingen leider mal wieder leer aus. Niemand hatte Mitleid mit uns hungrigen Schnauzen. Stattdessen trank die ganze Bande ein Bier nach dem anderen. Irgendwann kam Cheffe auch noch dazu, der war nämlich mit dem Zug hinterhergereist. Dann kreiste auch noch jede Menge Schierker Feuerstein, ein fürchterliches Schnaps - Gebräu aus dem Harz. Man gut, dass die Herrschaften dank des Wohnmobils immer kurze Wege in ihr Bett haben und ich sie zu später Stunde führe.

Am nächsten Morgen ging es auf Tour. Ich freute mich auf eine ausgiebige Wanderung im flotten Tempo. Doch als wir einen weiteren Hof in der Pampa erreichten, standen dort schon 400 weitere Menschen startklar mit ihren albernen Bollerwagen! Mit Bussen wurden wir an den Start geshuttelt, mitsamt Bollerwagen, die alle völlig überladen waren mit Bier und anderen harten Gesöffen. Ich dachte, nun würden wir wohl zügigen Tempos längs am Deich losmarschieren und zog auch schon kräftig an der Leine in freudiger Erwartung. Weit gefehlt! Nachdem wir gestartet waren, zog die Karawane im SCHNECKENTEMPO voran. Frust! Ich durfte nicht einmal die Deichschafe jagen, sondern musste mich diesen lahmen Gesellen anpassen. Die warfen dann ständig Bälle durch die Luft. Wollte ich hinterher und sie apportieren - das kann ich schließlich sehr gut. Wieder Frust! Chefin brüllte mich an, und soweit ich ihre wegen permanenten Alkoholkonsums unklare Ansage interpretieren konnte, schnauzte sie: "Lass die Kugel rollen! Wir boßeln!" So gut es ging, passte ich mich also diesem für meine pudeligen Sprungbeine völlig ungeeigneten Grundtempo an und verfiel in eine Art Lethargie und butscherte so vor mich hin. Ich hatte allerdings eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, nämlich als Maskottchen der Mannschaft. Etwas stolz war ich darauf schon und tat mein Bestes. Ich unterstützte die Mannschaft meiner Chefin nach besten Kräften, nachdem ich das Prinzip verstanden hatte. Die Kugel sollte so weit rollen wie möglich. Na, da half ich etwas nach. Chefin schickte mich nämlich nach dem Abwurf unserer Kugel voraus mit dem Kommando: "Such die Kugel!". Jedes Mal flitzte ich los, um dann geschickt - so dass unsere Gegner es nicht sehen konnten - die Kugel ganz unbemerkt mit meinen Vorderpfoten ein wenig nach vorne zu stupsen. Total verantwortungsvolle Aufgabe! Schließlich wollten wir einen Pokal gewinnen... Leider verschwand eine Kugel auf wundersame Weise mitten in einem Schilfgraben. Chefin schickte mich zur Nachsuche in den Wassergraben. Ich gab wirklich mein Bestes. Doch ehrlich, diese Brennesseln überall und dann noch das messerscharfe meterhohe Schilf... Ich armer Hund! Nachdem ich mich die Steilwand mühsam wieder hochgequält hatte und meine zarten Füße pflegte wegen der Brennesselstiche, brüllte Chefin nur: "Du Versager! Da brauchen wir Dich wirklich mal zu Nachsuche und Du betreibst Pediküre!" Ich führte ihre ungehobelte Ausdrucksweise auf den gesteigerten Alkoholkonsum zurück und begab mich wieder in mein Schicksal eines langsam dahertrottenden Boßelhundes. Gott sei Dank bekamen wir eine Ersatzkugel und konnten weitermachen. Nach 7 Kilometern erreichten wir das Ziel. Dann nochmal 2 Kilometer bis zum Ort der Siegerehrung. Alles zu Fuß! Für mich ein Geschenk, aber die Menschen waren inzwischen kräftig am Stöhnen. Insgesamt 15 Kilometer Fußmarsch, und sie waren k.o. Weicheier!!! Und, was soll ich sagen? Da wurde doch mitten unter den vielen Mannschaften unser Name aufgerufen. Wir hatten den sogenannten "Mittelpokal" gewonnen. Hatten wir doch mit unserer Wurfzahl genau die Mitte getroffen. Das schafft nicht einmal Angela Merkel, die ja immer nur um die politische Mitte herumdümpelt. Chefin war mächtig stolz auf mich: " Diesen Riesenpokal haben wir Mephisto zu verdanken! Er war unser Maskottchen!", brüllte sie durch die ganze Halle. Geflissentlich verschwieg sie, dass ich vor allen Dingen durch das Anstupsen unserer Kugeln einen erheblichen Anteil am Mittelpokal hatte. Es gab viele Neider um uns herum. Andere Mannschaften meinten, es sei ja klar, das Staatliche Gewerbeaufsichtsamt Lüneburg sei eben Mittelmaß. Voll die Neidhammel! Jedenfalls darf ich mich laut Chefin ab sofort "staatlich geprüfter Boßelhund" nennen. Denn diese über 400 Starter waren schließlich niedersächsische Landesbeamte. Quasi bin ich nun auch verbeamtet. Ein feiner Titel! Den Wahlspruch der Boßeler, der so viel heißt wie "Leg auf und flieg hoch heraus" habe ich nun voll verinnerlicht: "Lüch up un fleu herut!"

Am nächsten Morgen wollte ich ausschlafen, um mich von meinem anspruchsvollen Job als Boßelhund zu erholen. Ging nicht. Morgens um 6.30 h kam die Nachricht von zuhause: "Das Fohlen ist da!" Da hatten es meine Herrschaften eilig nach Hause zu kommen. Doch das ist eine neue Geschichte...