Mephistos Weihnachtsgeschichte

Frühstück unter dem Tannenbaum

Liebe Pudelkameraden,


meine Herrschaften hatten mir schon vor Tagen ins Ohr geflüstert, dass ich mich auf etwas ganz besonderes freuen dürfte: Weihnachten, das Fest des Friedens, der Liebe und des Teilens! Ich solle mich auf mein erstes Weihnachtsfest im Kreise der Familie freuen!


Voller Vorfreude also beobachtete ich gespannt, was um mich herum so alles geschah...


1. Also das erste, was ich bemerkte, bestand in einer bislang mir gar nicht bekannten inneren und äußeren Unruhe meiner Herrschaften. Einige Wortfetzen, die zwischen beiden flogen, konnte ich aufschnappen: hast Du die Pasteten schon bestellt? Was wünscht sich bloß der Victor? Such' ja einen schönen Baum aus, nicht wieder so eine Krüppeltanne wie in den letzten 25 Jahren! Haben wir genug Kerzen? Kauf ja nicht wieder so viel zu essen ein wie die letzten 25 Jahre! Die Tiefkühltruhe ist voll, und die Geschäfte haben bloß für 4 Tage geschlossen, nicht für 4 Jahre.


2. Heilig Abend morgens drangen wiederum fremde Gestalten in unser hündisches Territorium ein: die Herrschaften und die Althunde freuten sich total. Ich fand, man müsse doch eine gewisse Contenance bewahren und wenigstens ein paar Mal laut kläffen und knurren. My home is my castle. Die Frau wurde "Tante Kuchen" genannt. Hatten die Kinder wohl früher mal eingeführt. Tatsächlich stand auf einmal eine wunderbar duftende große Schokoladentorte direkt in Augen- und Nasenhöhe auf dem Tisch. Als ich schlagartig mein Gebelle und Geknurre einstellte, entschlossen meine Vordertatzen auf den Tisch stemmte, um mir meinen Anteil vom Kuchen zu sichern, großes Gebrülle bis Gekreische... Hatten sie nicht vom Fest des Teilens gesprochen???


3. Was macht ein Baum im Esszimmer? Ich stand fassungslos davor, war ich doch bislang diversen Exemplaren dieser spitznadeligen Immergrünen Gewächse ausschließlich in unseren heimischen Wäldern begegnet. Nun also piekende Nadeln, die sich immer martialisch zwischen meine Pfoten haken, mitten in meiner bislang friedlichen Trutzburg. Frieden fühlt sich für mich anders an! Es kam noch perverser: unser Jüngster, gerade vom Musizieren im Flüchtlingsheim zurück (ohne mich, ich bin ja Rassist), schmiss mit Wollust lauter rote Kugeln, Engel und Kerzen an den Baum. Gott, sieht das albern aus - wirkt auf mich absolut heidnisch. Die Familie kann froh sein, dass ich noch sächlich pinkele. Sonst hätte ich nämlich mal kurzfristig das Drinnen zum Draußen erklärt und dem Baum mit dem Ausdruck größter einem Pudel möglichen Arroganz und Verachtung meine Meinung gestrunzt. Kann ich aber noch nicht. Muss ich bis zum nächsten Jahr warten...


4. Laurrrra ist da! Mit Clemens. Welche Freude, nach Wochen der Entbehrung ihr rollendes R zu hören und in ihre feurigen lateinamerikanischen Augen zu schauen. Schade, dass mein Name kein R enthält. Weihnachten ist doch nicht so übel. Die Familie kommt - so alle auf einmal - zusammen. Der älteste Sohn ist auch da. Den mochte ich ja eh' von Anfang an. Der spielt immer so toll mit mir, obwohl sein Herz eigentlich für Deutsche Schäferhunde schlägt. Geschmack hat der nicht, aber lieb isser trotzdem.


5. Bescherung! So nennen die Menschen das, wenn sich alle in den Armen liegen und mit rührseligen Mienen Pakete tauschen. Ich wurde ganz verlegen und sah betreten zu Boden. Kannte ich doch diese Tradition nicht und hatte gar nichts dabei. Nicht einmal ein Paar Socken für jeden, obwohl ich die ja sonst gerne durch die Gegend schleppe. Auf einmal wurden alle Hundenamen aufgerufen: Camilla, Wuddel, Meffel! Mehr oder weniger  artig in Reih und Glied überreichte uns meine Chefin jeweils einen wunderbear großen Knochen aus Büffelhaut. Dass sie an mich gedacht hat, dass sie meinen intimsten Wunsch erraten hat, ich war sooooo gerührt. Meine Freude währte leider nicht allzu lange: der Wuddel ist der Geschenke - Horten - Verstecken - Profi unter uns. 5 Bissen hat er mir gegönnt. Das war exakt die Zeit, die er benötigte, um seinen eigenen Knochen im Garten zu verbuddeln, den von Camilla in einer anderen Ecke zu vergraben, um sich dann meinen Knochen zu schnappen und es sich unterm Weihnachtsbaum bequem zu machen und voller Genuss in meinem Knochen zu versinken. Knurrende Blicke erntete ich, sobald ich mich schüchtern in seine Richtung bewegte und dezente Hinweise darauf sendete, dass meine Chefin diesen Knochen doch speziell mir geschenkt hatte. 


Mit Weihnachten bin ich durch. Von wegen Fest der Liebe, des Friedens und Teilens... Mit der großen Familie iss toll, aber sonst...?


Na denn: Frohe Weihnachten vom

gemobbten Weihnachtspudel Mephisto




Chefin ist sauer auf mich. Ich habe mir den Krippenesel geschnappt und sein rechtes Hinterbein gemampft. Sonst hält sie viel vom Barfen. Aber der Esel ist ihr heilig. Ich musste mir eine Predigt über vergangene Zeiten anhören. O - Ton "Dackel Calle hat den Balthasar geköpft, Jack Russel Adele den Melchior. Aussie Camilla hat ständig den Herzjesu aus der Krippe verschleppt und Islandhund Bjarki das Kamel geschändet. Und jetzt kommst Du Pudel und vergehst Dich an dem Esel. Schäme Dich, Du Satansbraten! Aber eins verspreche ich Dir: diese Familienkrippe ist 70 Jahre alt. Auch Du wirst es nicht schaffen, sie zu vernichten."